Anlässlich unserer Auftaktveranstaltung am 24. März hat Mariia eine bewegende Rede geschrieben, die sie gemeinsam mit ihrer Freundin Oksana vorgetragen hat:
Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name ist Mariia und ich komme aus der ukrainischen Stadt Charkiw.
Heute stehe ich hier nicht nur als Rednerin, sondern als Mensch, der sein Zuhause verloren hat.
Charkiw war einmal eine lebendige, moderne Millionenstadt – ein Zentrum für Industrie, Bildung und Innovation. Eine Stadt voller Leben, Perspektiven und Zukunft. Doch seit Beginn des Krieges hat sich dieses Leben grundlegend verändert.
Seit 2022 steht Charkiw unter ständigem Beschuss. Wohnhäuser, Universitäten und Krankenhäuser werden angegriffen – nichts ist wirklich sicher. Insgesamt ist etwa ein Viertel der Stadt zerstört. Die Region Charkiw gehört zu den am stärksten betroffenen Gebieten: Zusammen mit anderen östlichen Regionen macht sie etwa 72 % aller Zerstörungen in der Ukraine aus.
Diese Zerstörung trifft nicht nur Gebäude – sie erschüttert das Leben der Menschen. Auch die wirtschaftliche Grundlage der gesamten Region ist stark geschwächt. In Charkiw wurden Einkaufszentren, Produktionsstätten sowie zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen vollständig vernichtet oder schwer beschädigt. Viele Menschen haben innerhalb kürzester Zeit alles verloren, was sie sich über Jahre aufgebaut hatten. Viele Unternehmen verschwinden, Arbeitsplätze gehen verloren und ganze wirtschaftliche Strukturen brechen zusammen.
Auch die umliegenden Städte leiden stark unter den Folgen des Krieges. Wowtschansk wurde in Schutt und Asche gelegt. Die Stadt Isjum wurde während der Kämpfe nahezu ausgelöscht – zeitweise existierten bis zu 80 % der Gebäude nicht mehr. Kupjansk wird wiederholt schwer getroffen: Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude und zentrale Infrastruktur sind erheblich beschädigt oder außer Betrieb gesetzt.
Und hinter all diesen Zahlen stehen Menschen.
Ich erinnere mich noch an Nächte, in denen wir nicht wussten, ob wir den Morgen erleben würden. Sirenen, Explosionen und ständige Angst prägen bis heute den Alltag vieler Menschen.
An dieser Stelle möchte ich das Wort an meine Kollegin Oksana übergeben. Sie wird Ihnen erzählen, wie die Menschen – insbesondere Kinder und ältere Menschen – unter diesen Umständen leben und ihren Alltag bewältigen.
Doch selbst unter solchen Bedingungen geht das Leben weiter.
Viele Menschen arbeiten weiterhin, obwohl ihr Alltag ständig unterbrochen wird. Oft müssen sie ihre Arbeit unterbrechen, Schutzräume aufsuchen und danach wieder zu ihren Aufgaben zurückkehren. Sie tun das, weil sie ihre Familien unterstützen und für ihre Kinder und Angehörigen sorgen müssen.
Gleichzeitig stehen viele Menschen unter extremem wirtschaftlichem Druck. Die durchschnittliche monatliche Vergütung in Charkiw liegt derzeit nur bei etwa 350–420 Euro. Noch schwieriger ist die Situation für ältere Menschen: Die durchschnittliche Rente in der Ukraine beträgt knapp 130 Euro im Monat, und mehr als die Hälfte der Rentnerinnen und Rentner erhält sogar weniger als 100 Euro.
Vor diesem Hintergrund sind besonders die verletzlichsten Gruppen – Kinder und ältere Menschen – stark betroffen. Kinder müssen unter außergewöhnlichen Bedingungen lernen. Der Unterricht findet entweder online oder in speziell eingerichteten unterirdischen Schulen statt, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Eine dieser Schulen befindet sich sogar in einer U-Bahn-Station. Trotz Luftalarm und ständiger Gefahr setzen die Kinder ihren Unterricht fort.
Auch ältere Menschen stehen täglich vor großen Herausforderungen. Mit sehr begrenzten finanziellen Mitteln und gleichzeitig enorm gestiegenen Preisen müssen sie ihren Alltag bewältigen. In vielen Bereichen sind die Lebenshaltungskosten inzwischen sogar höher als in Deutschland, was ihre Situation zusätzlich verschärft.
Trotz allem ist der Zusammenhalt in Charkiw bemerkenswert. Gegenseitige Unterstützung ist zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden. Die Menschen helfen einander, stehen füreinander ein und versuchen, ihr Leben Schritt für Schritt wieder aufzubauen – oft unter extrem schwierigen Bedingungen.
Die Menschen geben nicht auf, sie warten sehnsüchtig auf den Frieden – einen einfachen, ruhigen Frieden, in dem man wieder ohne Angst leben kann. Heute bitten wir Sie nicht nur um Mitgefühl.
Wir bitten Sie um Unterstützung.
Jede Spende und jede Form der Hilfe kann dazu beitragen, Leben zu retten und Menschen in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Unterstützung bedeutet, Hoffnung zu geben und Menschen das Gefühl zu vermitteln, nicht allein zu sein.
Charkiw ist nicht nur ein Ort auf der Landkarte.
Es ist unser Zuhause. Und das Zuhause von Millionen Menschen, die weiterhin an eine Zukunft glauben.
Vielen Dank.
Foto: Children in a school bomb Shelter in Balakilla, Khariv region, 2025, Media Center Ukraine